Ihr  Titel
 

 Wie alles begann

  

Wie alles begann und sich entwickelte:


Meine Eltern besaßen keine Pferde. Mein Vater war gelernter Schreiner und Angestellter bei der Deutschen Bundesbahn.  Meine Mutter war Damen - und Herrenschneiderin und  verbrachte ihre Jugend bis zum 20 Lebensjahr in Tirol und pflegte eine enge Beziehung zu den dortigen Arbeitspferden. Ich war ein sogenanntes Wunschkind und meine Mutter hörte auf, zu arbeiten, als ich auf die Welt kam und widmete mir sehr viel Zeit. Wir verbrachten als Familie mehrmals im Jahr Urlaub in der Heimatstadt Schwaz in Tirol und es stand viel Zeit füreinander zur Verfügung.  So begeisterte sie mich bereits im Alter von 2 Jahren für Pferde, indem sie mich auf den alten Pascha im Jülicher Brückenkopfzoo setzte. Dieser infizierte mich mit dem Pferdevirus. Von da an verbrauchte ich schätzungsweise 80 % der Freizeit meiner Eltern damit, Möglichkeiten zum Reiten zu finden. 



Ab dem elften Lebensjahr ließen mich meine Eltern eigenständige Erfahrungen sammeln. Die erste Erfahrung war sofort ein Schlüsselerlebnis für mich.

Der nette Bauer N., ein Bekannter meines Vaters, erlaubte mir, seinen Sascha zu reiten. Sascha war ein Endmaß Pony, ein Fuchs mit einer schmalen Blesse. Bauer N. und ich benötigten lange, Sascha von den Kühen zu trennen. In Schweiß gebadet, reichte er mir einen Lederlappen mit Kindebügeln daran, ein sogenanntes Sattelkissen, wünschte mir viel Spaß beim Reiten und verschwand. Ich kannte diesen Sattelersatz von den Kirmesponys. Bereits mit den ersten Schritten spürte ich, dass Sascha nicht so reagierte, wie ich es erwartet hatte. Ich schaffte es schließlich, mit ihm an ein Flussufer zu gelangen. Dort ging es lange geradeaus, von dem Vorort, wo der Bauer wohnte bis in meine Heimatstadt Jülich. Als ich Sascha mit etwas mulmigem Gefühl zum Traben aufforderte, startete er in einem wilden Galopp und buckelte, was das Zeug hielt. Ich konnte Sascha nicht mehr anhalten, so sehr ich auch an den Zügeln zerrte. Der Lederlappen rutschte unter den Bauch, ich blieb in einem Bügel hängen und Sascha schleifte mich mit, bis irgendetwas von diesem Sattelkissen riss. Nachdem ich mich erholt hatte, humpelte ich Sascha hinterher und traf nach ein paar Kilometern auf einen alten Mann, der mir mit Sascha entgegenkam. Entgegen meinen Erwartungen, der Mann würde mir helfen, das aufgebrachte Pony zu beruhigen, klärte er nur kurz, dass ich diejenige sei, die von diesem Pferd gefallen war und drückte mir die Zügel von Sascha mit den Worten in die Hand: „Pass beim nächsten Mal besser auf.“

Die Strecke zurück zu Bauer N. war lang.

Ich hatte lange Zeit, mir zu überlegen, was ich nun tun sollte.

Als Einzelkind wohlbehütet – mein zwei Jahre älterer Bruder war bei seiner Geburt gestorben – hätte ich die Wahrheit nicht zu 100% berichten dürfen. Zurück bei Bauer N. angekommen waren seine Worte:“ Warum reitest Du nicht?“ Auf meine Kurzbeschreibung hin – er signalisierte mir, dass er wichtigeres zu tu hatte - antwortete er:“ Ja, Kind, eingeritten ist der Pascha nicht. Da hat noch keiner draufgesessen. Du musst den schon selbst einreiten!“

Ich verbrachte noch einige Zeit am Hof, bevor ich mich soweit gesammelt hatte, die freudige Erwartung meiner Ankunft zu Hause zu überstehen.


Ich schwor mir: “So etwas passiert Dir nie, nie wieder!“

Im Rückblick lassen sich diese Zeilen leicht zu Papier bringen. Jedoch ist klar, wenn das Sattelkissen nicht gerissen wäre, so hätte Sascha mich hinterhergeschliffen und der Unfall hätte tödlich enden können! Allerdings hatte ich in diesen wenigen Minuten so viel über Pferde gelernt, dass dies mein gesamtes weiteres Verhalten Pferden gegenüber prägte. 


Ich habe Sascha eingeritten, indem ich für mich die klassische Arbeit an der Hand erfand. Zusammen mit einer Freundin übten wir am Anfang jeden Tag HALT. Sascha war ein strenger Lehrmeister und hat mir alle Fragen gestellt, die ein Pferd in der Menschenwelt hat. Wir waren erfolgreich. Sascha wurde zu einem zuverlässigen Freizeitpartner. Bauer Neuber verkaufte ihn, als er ein begehrtes Pony war an eines der damaligen Pferdemädels. Ihr gab ich regelmäßig Unterricht auf Sascha und es entwickelte sich eine Freundschaft.


So wurde ich Pferdetrainerin, ohne es zu planen.


Es folgte eine herrliche Zeit an der Rur mit Freundinnen und Freunden und vielen vierbeinigen Lehrmeistern. Die Abenteuer und Erlebnisse in der „Pferdemädelsherde“ würde ein Buch füllen. Das würde heißen: “Wir Kinder vom Brückenkopfzoo“, eine Gegendarstellung von Kindheit und Jugend zu dem bekannten Buch vom Bahnhof Zoo. Die Hauptperson ist ein Hengstfohlen namens Filou, den ich im Alter von 13 Jahren erwarb, ohne dass ich meine Eltern gefragt habe. Zuvor kaufte ich vom Zirkusdirektor Althoff die Tigerscheckstute Bambi. Damals war ich leider zu klein, um mich bei Bauer B. durchzusetzen, der meine Stute gegen viel Arbeit beherbergte und sie mir nachher heimtückisch abnahm. Filou erfand für mich den Offenstall. Diese geschäftlichen Aktivitäten erscheinen heute unmöglich. Zu dieser Zeit haben Bauern gelebt, die Kinderarbeit selbstverständlich fanden und damit auch die Geschäftsbeziehung zu ganz jungen Menschen. Ich habe keinen Schaden genommen, ganz im Gegenteil!


Es entwickelte sich die Freundschaft zu Harald Ohliger, meinem Mentor, welcher mir später half, das Einzelunternehmen „Marie Odinius, Ausbildung für Reiter und Pferd“ zu gründen. Harald war Kavallerist und Träger des goldenen Reitabzeichens und ein Meister in Didaktik und Methodik. Er konnte wirklich lehren! Im Alter von 72 Jahren hatte er sich mit einer Reitschule selbstständig gemacht. Ich lernte ihn kennen, als ich 13 Jahre alt war und fuhr 10 Km mit dem Fahrrad zu ihm.

Er erkannte schnell, dass ich jedes Wort von ihm aufsaugte und wir verbrachten Abende in seinem Wohnzimmer. Seine Frau brachte mir Kakao und Kekse und er referierte sein ganzes hippologisches Wissen. Seine Tochter, die seine Reitschule übernehmen sollte, war nach Florida ausgewandert und nun durfte ich all seine Weisheit, Erfahrung und seine Leidenschaft erleben. 


Im Jahr ,1986 folgten Schulabschluss mit Abitur und Sozialpädagogik mit den Schwerpunkten Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Im Jahr 1991 absolvierte ich die Ausbildung zur Trainerin A FN. Harald legte sehr viel Wert auf ein „Reiten von hinten nach vorne“ und auf eine feine Reiterei mit perfekten Zügelfäusten und Pferdehälsen mit der Nase vor der Senkrechten.


Meine Reitschule, gegründet 1991 auf ehemaligem Bahngelände, wurde ein voller Erfolg, da ich die einzige Alternative zu den herkömmlichen Konzepten darstellte. Schnell hatten wir einen großen Kundenstamm aufgebaut und die Nachfrage war riesig. Mein Konzept war eine Mischung aus autodidaktischem Horsemanship, feiner Dressur und Geländereiten. Das Gelände für die Reitschule wurde mir quasi präsentiert, ohne, dass ich danach gesucht hätte. Ich wurde dafür bekannt, Pferde zu schulen, die woanders nicht mehr funktionierten.

1996 gründete ich zusammen mit einigen besonders engagierten Schülern den „Reit – und Fahrverein Hippophilos e.V., welcher noch heute die artgerechte Haltung und Schulung von Pferden ,sowie die Integration von Menschen mit Behinderung in den Reitsport unterstützt.

Wir förderten unsere Schüler bis zur Klasse L, boten das DRA, sowie den Basispass und kleinere Motivationsabzeichen an. Schwerpunktmäßig ritt ich aus und vor allem unsere Wanderritte waren sehr beliebt. Neben der Betriebsleitung absolvierte ich eine Schulung zur Reittherapeutin beim Kuratorium für Therapeutisches Reiten in Köln. 


Nachdem Harald gestorben war, strebte ich nach mehr und lernte in Reken Richard Hinrichs kennen. Seine Präsentation mit Maestoso, dem schwarzen Lipizzaner, bereitete mir Gänsehaut! Ich stellte mich vor und es begann ein spannender Abschnitt. Mittlerweile Mutter von zwei Kindern, war die Reise zu Richard mit einem anderen Aufwand verbunden als die mit dem Fahrrad zu Harald. Wir kennen jeden Stein auf der Autobahn nach Hannover. Diese Strecke fahren wir – mein Mann und ich - im Schlaf. Es entwickelte sich eine Freundschaft zu Richard und eine neue Pferdegeneration in unserem Stall, welcher mittlerweile zu einer GBR mit 40 Pferden angewachsen war, wuchs heran. 

Im Jahr 2002 konnten mein Mann und ich das 10 Hektar große Betriebsgelände von der DB käuflich erwerben . Es ist das Gelände, auf welchem mein Vater viele Jahre als Angestellter gearbeitet hatte. 

Lehrmeister wie der Rheinische Kaltbluthengst EINSTEIN und die Kladruberhengste GENERALISSIMUS SEGA und SACRAMOSO MORENA lieferten mir neue Herausforderungen. Es folgten Piaffe, Passage, Spanischer Schritt, Fliegende Wechsel…. 


Doch nach und nach beschlich mich das Gefühl, etwas verloren zu haben. Die Leichtigkeit, mit der ich eine Beziehung zu Pferden aufgebaut hatte, war verändert. Immer noch spürte ich eine starke Bindung zu meinen Pferden, jedoch hatte ich Probleme, die Qualität der  Bindung in der Situation aufrecht zu erhalten, wenn ich mich in einer Unterrichtssituation als Schülerin befand. Dort erfolgte regelmäßig ein Bruch. Diesen Bruch hat weder Richard noch andere klassische Ausbilder, die ich traf, wie beispielsweise Andreas Hausberger, Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule zu Wien, verursacht. Dieser Bruch war von Außen nicht zu erkennen. Das, was ich vorher zu Hause kommuniziert hatte, bevor ich aufgesessen bin, hatte ich aus Sicht meiner Pferde  in der Unterrichtssituation verleugnet. Ich hatte den hohen Anspruch an mich gestellt, mich nach langjähriger Lehrtätigkeit nochmal ganz auf 0 zu bringen, um Neues zu erfahren. Ich hatte meine Pferde – aus ihrer Sicht - immer in den Unterrichtssituationen verraten. Das, was ich vorab mit ihnen intuitiv vereinbart hatte, war – im Unterricht angekommen – aus Sicht meiner Pferde – nicht mehr wahrhaftig.

So folgte eine Pause.

Mein bisheriges Leben war geprägt von intensivem Austausch mit hochkarätigen Pferdemenschen: Beispielsweise Jean Claude Dysli und Freddy Knie Senior gehörten dazu. Angestoßen von einer amerikanischen Trainerin saß ich nun mit meinen Pferden in meinem „stillen Kämmerlein“. Das war unsere Reithalle und habe unsere Pferde nach längerer Zeit wieder gefragt: „Was ist denn Deine Frage in der Menschenwelt?“ Und ich stellte mir die ernste Frage: Was bleibt, wenn Du Zuckerbrot und Peitsche weglässt? Als Kind kannten wir keine Leckerlies, die wurden erst viel später vermarktet.

Verstehen Sie mich an dieser Stelle nicht falsch. Ich habe nichts gegen Lob. Mir ist nur einmal mehr bewusst geworden, welche Konsequenzen Lob und Strafe für die Private Beziehung zu unseren Pferden hat. 


Und so ist Naturalclassic® entstanden.


Ich erinnerte mich Schritt für Schritt zurück, was ich als Kind und junge Erwachsene gemacht hatte, bevor ich aufgesessen bin und wie ich das dann in den Sattel transferiert habe. Ich war als Kind auf Augenhöhe mit meinen Pferden. Lob und Strafe kommt immer von oben!

Naturalclassic® ist das Kondensat aus dem oben nur kurz angerissenen reichen Erfahrungsschatz. Es kürzt Wege ab und lädt auch solche Menschen ein, die zu Recht sagen, Reiten, welches auf Zug und Druck aufbaut, ist mir zu gefährlich.

Naturalclassic® liefert die Basis vor der allgemein bekannten Basis, die so noch keiner formuliert hat. Diese Basis habe ich in leichte, nachvollziehbare Schritte, die aufeinander aufbauen, unterteilt.

Mit diesem Bewusstsein können wir weiterhin hohe Dressurlektionen wie Piaffe und Passage anstreben. Wir erhalten uns dabei jedoch die Basis vor der Basis, die wir vor allen Forderungen an das Pferd unbedingt aufbauen müssen, nämlich die pure private Beziehung außerhalb der Geschäftsbeziehung zu unserem Pferd. Wir dürfen nicht vergessen, dass sich trotz aller menschlichen Gedankenkonzepte die Natur nicht verändert. Sie befindet sich in uns, wir müssen ihr nur Raum geben. Das Pferd kennt von Natur aus kein gut oder schlecht. Stattdessen nur so oder so. Es kennt auch keine Fehler, ist das nicht großartig? Wenn ein Mensch das erkannt hat und sich über das, was er als Wertesystem kennt, hinwegstellen kann, dann ist er zu wertfreiem Gewahrsein fähig. 

In meinem Elternhaus habe ich Zutrauen erfahren und bedingungslose Wertschätzung. Wir sind die Fortsetzung unserer Eltern. Wir benötigen Wertesysteme, dürfen uns aber nicht mit ihnen identifizieren, sondern uns selbst und unsere Natur über sie stellen und unsere Natur in keinem Augenblick unseres Lebens leugnen. 

Stellen Sie sich vor, sie unterstellen ihrem Pferd, das es immer das aus seiner Sicht Beste für die Gemeinschaft tut. Und so ist es in der Tat! Und das Pferd agiert nicht so, wie sie es erwartet hätten. Dann besitzen Sie doch in diesem Moment die Freiheit, sich zu sagen: „Nun gut, noch ist nichts passiert! Wenn mein Pferd tatsächlich davon ausgegangen ist, dass diese Handlung die erforderliche ist, so weiß mein Pferd ja gar nichts von meinem „Problem““ Erst meine REAKTION darauf macht es zu einem Pferd – Mensch – Beziehungsproblem mit den Worten Fehler, schlecht, Korrektur und so weiter…. Gehen Sie in Resonanz mit der Situation, statt in Reaktion. So bleiben Sie in der Führungsposition, entspannt und gelassen, souverän. Ihr Pferd wird ihnen folgen!

Lehnen Sie sich entspannt zurück und genießen Sie den Prozess! 


Herzlich, Ihre Marie Maßmann





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